Der Abend, an dem alles schiefging – und trotzdem alle klatschten
Ein Bericht aus dem Maschinenraum der Gastrohölle.
Es war einer dieser Abende, die sich von Anfang an falsch anfühlen. Du kommst rein, schaust in die Küche, und alles schreit: Das geht heute nicht gut aus. Und natürlich geht es nicht gut aus – es eskaliert komplett.
Wir hatten Personalmangel, mal wieder. Der Kollege aus der Spüle ist angeblich krank (Instagram sagt: Festival), die Neue aus dem Service „verwechselt“ erneut ihre Schichtzeit, und der Chef hat spontan entschieden, dass heute das neue Menü gelauncht wird. Natürlich ohne Probeessen. Natürlich ohne Einweisung. Natürlich genau dann, wenn 94 Reservierungen im System stehen.
17:30 Uhr.
Erste Gäste kommen. Alles wirkt noch ruhig. Ich täusche Professionalität vor, schnalle mir die Schürze um, werfe ein paar „Mahlzeit“-Floskeln durch die Küche und tue so, als ob ich nicht gleich ausraste.
18:00 Uhr – Bon-Hölle.
Der Drucker rattert los wie ein Hyperaktiver auf Energy-Drinks. Die Bons fliegen über den Pass, es wird laut. Ich fange an zu schwitzen – die Hitze in der Küche hat bereits die 40-Grad-Marke geknackt. Die Klimaanlage? Kaputt. Schon seit Dienstag.
18:45 Uhr – Der Azubi verliert die Kontrolle.
Er hat die Soße angesetzt – zu viel Stärke, zu wenig Geschmack. Das Ganze wird ein zäher Schleim, der aussieht wie Baukleber mit Glanz. Ich sage ihm, er soll das wegschütten – er schüttet es in die Gemüsesuppe. Ich atme durch die Nase aus wie ein wütender Ochse.
19:15 Uhr – Der Service crasht.
Die Neue verwechselt Tisch 5 mit Tisch 7, bringt den Veganern das Kalbsfilet und dem älteren Ehepaar die vegane Platte. Tisch 7 denkt, sie wären bei „Verstehen Sie Spaß?“. Ich auch. Aber ohne Spaß.
20:00 Uhr – Kurzschluss. Im Kopf und im Sicherungskasten.
Plötzlich geht in der Küche das Licht aus. Sicherung geflogen. Der Chef flucht, der Azubi fängt an zu lachen. Ich? Ich ziehe mir die Stirn ab mit einem Handtuch, das nach Zwiebeln, Schweiß und Tränen riecht – weil das ist alles, was wir noch haben.
20:45 Uhr – Und dann passiert’s.
Wir retten den Abend. Keine Ahnung wie. Wahrscheinlich mit purer Wut, Adrenalin und diesem Gastro-Gen, das irgendwo zwischen Burnout und Größenwahn liegt. Die Teller kommen raus – sehen besser aus, als ich es jemals erwartet hätte. Die Gäste essen, trinken, lachen. Der Raum ist laut. Und dann… dann klatschen sie. Wirklich.
Applaus. Für uns.
Ich schaue zum Azubi. Der steht da mit einem Mix aus Panik und Stolz. Der Chef kommt um die Ecke, reibt sich den Nacken, sagt nichts. Aber wir wissen: Er ist nicht sauer. Nur müde. Wie wir alle.
22:00 Uhr – Feierabendbier.
Wir setzen uns hinten raus, rauchen, trinken still, keiner redet. Es war die Hölle. Aber irgendwie war’s geil. Und morgen? Geht’s wieder von vorn los.
Fazit:
Die schlimmsten Schichten erzählen die besten Geschichten. Vielleicht klatscht niemand jeden Tag – aber wenn sie’s tun, weißt du: Der ganze Wahnsinn war es wert.
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