Der Tag, an dem der Kellner einfach ging – mitten im Hauptgang

Spoiler: Er kam auch nicht wieder.


18:42 Uhr.
Volles Haus. Zwei Geburtstagsgesellschaften. Ein Stammtisch. Und Tisch 12 – natürlich mit Extrawünschen.
„Kann ich den Ziegenkäse auch vegan kriegen?“
„Du meinst ohne Ziegenkäse?“
„Ja. Aber schmecken soll’s halt trotzdem.“
Klar, kein Problem. Ich zaubere dir auch gleich noch ein Einhorn auf dem Teller.


18:59 Uhr.
Marco – Kellner. Seit drei Jahren dabei. Manchmal cool, manchmal grenzwertig passiv-aggressiv. Heute: seltsam ruhig. Kein Spruch, kein Fluchen, kein Rumgealbere mit dem Azubi.

Er geht zum Pass, holt die Teller, geht Richtung Tisch 9 – bleibt dann stehen. Stellt alles ab. Dreht sich um. Und sagt das, was du nie hören willst, wenn die Hütte brennt:

„Ich bin raus. Kein Bock mehr auf den Scheiß.“

Und dann: Tür auf. Tür zu. Weg.


Pause.

Kein Scherz. Einfach gegangen. Nicht mal die Schürze abgelegt. Nicht geflucht. Keine Drama-Rede. Kein Tellerwurf. Nur: Exit.


19:05 Uhr.
Service in Panik. Zwei Tische noch unbedient. Getränkerunden offen. Die Neue aus der Spätschicht kommt rein, checkt die Lage, fragt:
„Was ist hier los?“
Ich: „Marco hat sich verflüchtigt.“
Sie: „Wohin?“
Ich: „Ins Nirvana, Baby.“


19:18 Uhr.
Chef kommt runter. Ohne Ahnung.
„Wo ist Marco?“
„Hat gekündigt.“
„Wie, schriftlich?“
„Nein, mündlich. Im Gehen. Sehr effizient.“
Chef läuft rot an. Ich seh schon die Pulsader zucken.


Zwischenstand:

  • Zwei Gäste beschweren sich.
  • Eine Dame fragt, ob wir heute ein Impro-Theater machen.
  • Der Azubi übernimmt zwei Tische. Trägt Kaffee UND Weißwein gleichzeitig. Endet auf der Hose der Influencerin an Tisch 6.
  • Ich greife zur Espressomaschine wie zur Waffe.

20:30 Uhr.
Irgendwie retten wir den Abend. Gäste sind verwirrt, aber nicht wütend. Manche scheinen sogar Mitleid zu haben.
Einer ruft:
„Ey, ihr macht das echt gut – besser als unser letzter Besuch bei Tim Raue.
Ich: „Danke, wir nehmen Trinkgeld in Goldbarren.“


21:10 Uhr.
Feierabend.
Der Chef sitzt wie ein verlorener Wikinger am Pass. Leerer Blick.
„Ich versteh’s nicht… gestern war er noch gut drauf.“
Ich zucke mit den Schultern.
„Vielleicht wollte er einfach mal pünktlich Feierabend.“
Alle lachen. Nur der Chef nicht.


Fazit:
In der Gastro kündigt keiner mit Zettel, Gesprächen oder Prozessen. In der Gastro kündigst du mit dem Herzen. Und dem Mittelfinger. Und manchmal mitten im Hauptgang.

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