Die Influencerin, die alles gratis wollte

Und warum ich seitdem bei jedem Selfie Brechreiz bekomme.


Es ist Mittwoch.
Ruhiger Abend. Ich denk mir, geil – bisschen easy reinrutschen, kein Stress, vielleicht sogar pünktlich raus.
Ha. Denkste.

Sie kommt rein wie ein Z-Promi bei der B-Premiere vom C-Film.
High Heels, Extensions, mehr Schminke als Inhalt.
Hinter ihr: ein Typ, der aussieht, als wär er ihr Fahrer, Manager oder Bruder. Keiner weiß es.
Sie guckt sich um wie jemand, der nach versteckten Kameras sucht.
Ich grüß.
Sie nickt – wortlos.
Schon da weiß ich: Das wird nicht nett.

Ich bring Karten.
Sie macht direkt die Insta-Cam auf.
„Hey meine Süßen, ich bin heute in diesem kleinen, süßen, fancy Place hier in Berlin, voll der Hidden Spot, total cozy Vibes – ich zeig euch gleich mein Essen!“
COZY VIBES?! BRUDI, WIR HABEN LAMINATBODEN UND NEONLICHT.

Sie bestellt.
Vorspeise, Hauptgericht, Dessert.
Aber vorher:
„Was sieht denn so richtig fotogen aus?“
Ich:
„Äh… der Teller mit Essen drauf vielleicht?“
Sie:
„Haha… süß.“

Alles, was kommt, wird abfotografiert.
Mit Blitz. Ohne Rücksicht. Mit Ansagen.
„Warte, ich schieb das Brot nochmal… mach das Licht aus… nicht atmen, sonst spiegelt’s!“
Der Typ bewegt Besteck für sie.
Ich will einfach nur sterben.

Dann kommt der Moment der Abrechnung.
Ich bring die Rechnung.
46,30 Euro.
Sie:
„Achso… ich dachte, das geht aufs Haus?“
Ich:
„Wieso?“
Sie:
„Naja, ich hab ja voll viel Content gemacht. Hab euch getaggt. Warte… ich zeig’s dir kurz.“
Sie zeigt mir ihr Insta-Profil.
14.000 Follower.
Feed voll mit geshoppten Lippen, Matcha-Bowls und peinlichen Posing-Videos.
Ich schau sie an.
Sag:
„Ah, cool. Aber das hier ist ein Restaurant. Kein Charity-Projekt.“

Sie guckt mich an wie eine Mischung aus beleidigt, geschockt und angewidert.
Dann sie zum Chef:
„Also… normalerweise ist das üblich. Ich mach das ständig. Und die Reichweite bringt euch ja auch was.“
Der Chef:
„Unsere Reichweite reicht bis zur Kasse. Da warten wir jetzt auf dein Geld.“

Sie bezahlt. Genervt.
Zwei 20er, eine 10er.
Keine Münze Trinkgeld.
Kein Tschüss.
Nur:
„Das werd ich so auf Insta schreiben!“
Chef:
„Dann schreib’s in Storygröße – damit’s nach 24 Stunden wieder weg ist.“


Fazit:
Influencer in Restaurants sind wie Gäste mit Durchfall im vollen Haus:
Laut, unangenehm und hinterlassen einen bleibenden Schaden.
Reichweite ersetzt keine Rechnung.
Und Fame ersetzt keinen Respekt.

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