Die Restaurantleiterin, die heimlich im Keller gewohnt hat – mit Matratze neben’m Weinschrank
Und warum du nie wieder ’ne Inventur allein machen willst.
Der Laden war nobel.
Also so „Wir tragen Handschuhe beim Besteckpolieren“-nobel.
Poliertes Glas, aufwändiges Lichtkonzept, Chef mit Designeranzug.
Und mittendrin:
Frau P. – unsere Restaurantleiterin.
Typ:
Mitte 40, schwarze Bluse, strenger Dutt,
Auge wie ein Laser.
Zunge wie eine Rasierklinge.
Arschtritt in High Heels.
Sie hat den Laden geführt wie ein Panzer –
kein Bon zu spät, kein Kellner zu locker,
keine beschissene Serviette falsch gefaltet.
Aber irgendwas war immer… seltsam.
Sie war immer da.
Frühdienst. Spätdienst.
Zwischendurch nie weg.
Nie wirklich nach Hause.
Nie „ich bin mal kurz raus“.
Immer nur: da.
Wir dachten erst: Workaholic.
Oder geschieden.
Oder einfach verrückt – wie man halt so wird in dieser Branche.
Aber dann kam der Moment.
Montagmorgen.
Ich soll Weinbestände kontrollieren.
Ich geh runter in den Keller.
Treppe quietscht.
Türe auf.
Licht an.
Und ich bleib stehen.
Mitten im Gang.
Neben dem Weinschrank:
→ Matratze
→ Kissen
→ Schlafsack
→ Klopapierrolle
→ Zahnbürste
→ Ein Hocker mit ’nem Buch drauf: „Führen mit Disziplin“
Ich dachte, ich bin in nem schlechten Sozialreport.
Ich steh da.
Gänsehaut.
Nicht wegen dem Kellerklima.
Sondern weil mir dämmert:
Die Frau hat hier gewohnt.
Nicht aus Fun.
Sondern aus Not.
Ich sag nix.
Mach Fotos.
Geh hoch.
Zeig’s dem Chef.
Er?
Guckt.
Sagt:
„War klar. Sie geht nie heim. Ich dachte, die fickt einen aus der Küche. Aber anscheinend fickt sie nur sich selbst.“
Später spricht er sie drauf an.
Im Büro.
Ich lausch draußen.
Sie sagt:
„Ich hab keine Wohnung.
Hab nix gefunden. Kein Geld. Kein Backup.
Aber ich wollte den Job behalten.“
Chef fragt:
„Und warum sagst du nix?“
Sie:
„Weil ich in der Gastro keine Schwäche zeigen darf.
Sonst bist du raus.“
Und weißt du was?
Sie hatte recht.
Konsequenz?
Chef hat’s toleriert.
Sie durfte noch drei Monate da bleiben –
im Tausch für doppelte Schichten, null Fehlzeiten
und das Versprechen, nix nach außen zu sagen.
Wir alle wussten’s.
Aber keiner hat was gesagt.
Nicht aus Angst.
Sondern weil wir alle dachten:
„Scheiße. Das könnte mir auch passieren.“
Sie war hart.
Streng.
Aber nicht kalt.
Sie war eine von uns – kaputt, aber funktionierend.
Mit System. Mit Stolz. Mit Schlafplatz neben ’nem verdammten Merlot.
Fazit:
In der Gastro wohnst du manchmal mehr im Laden als im Leben.
Und wenn du Pech hast – oder einfach alles auf dich nimmst –
dann wirst du Teil der Möbel.
Frau P. war kein Einzelfall.
Sie war nur die Erste, die’s keiner gemerkt hat,
weil sie zu gut darin war, nicht zu zerbrechen.
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