Warum ich fast den Lieferservice mit der Kasse beworfen hätte
Manche Tage sollte man einfach löschen. Komplett.
11:30 Uhr. Dienstag.
Ich komme rein, halb wach, halb genervt, weil der Bus wieder 20 Minuten zu spät kam und ich auf dem Weg schon einen Coffee-to-go verschüttet habe – über meine helle Schürze natürlich. War auch kein Kaffee. War Hoffnung.
12:15 Uhr.
Mittagsgeschäft. Volle Terrasse, zwei No-Show-Reservierungen (Danke, Leute!), und die Getränkelieferung ist noch nicht da. Ich schick dem Fahrer ne Nachricht. Keine Antwort. Auch geil. Ohne Cola Zero dreht die Ü50-Stammtisch-Clique regelmäßig durch.
13:30 Uhr.
Noch nix. Kein Lieferservice. Aber ich hab langsam so ’ne Ahnung…
13:48 Uhr.
Der Typ kommt. Und jetzt wird’s schön. Er steht da, mit Sonnenbrille, Kippe im Mundwinkel, läuft wie in Zeitlupe, als wär er gerade aus ’nem schlecht budgetierten Actionfilm gestolpert.
Er sagt nichts. Ich auch nicht. Ich schaue nur auf die Kisten – falsch. Alles falsch. Kein Wasser. Keine Cola. Keine fucking Zitronen. Aber stattdessen zwei Kisten Red Bull, obwohl wir das seit Monaten abbestellt haben.
Ich sag:
„Brudi… das ist nicht unsere Lieferung.“
Er:
„Doch doch, steht hier: Gastronomie Müller.“
Ich:
„Wir sind nicht Müller.“
Er:
„Ach so. Ja, dann muss ich wohl nochmal fahren.“
Und da… da zuckt es in meinem Arm. Ich sehe die Kasse. Alt. Schwer. Massiv. Wäre ein Statement. Ein Wurf. Ein kurzes Klirr, und dann himmlische Ruhe.
Aber ich atme.
Ein. Aus.
Zähle still bis drei.
Dann brülle ich los.
„Weißt du, was das Problem ist?! Wenn ich so arbeiten würde wie ihr Lieferhansel, gäb’s hier Tote – und zwar keine symbolischen! Du hast eine Aufgabe! Eine. Kisten mit Getränken an die richtige Adresse. Nicht Hogwarts, nicht Mordor – einfach nur: Gastronomie Schumann, Berlin-Mitte, fuckin’ Erdgeschoss!“
Er:
„Boah, entspann dich mal, Alter.“
Ich:
„Ich BIN ENTSPANNT! DAS HIER IST MEIN ENTSPANNTER ZUSTAND!!“
Er zuckt mit den Schultern, dreht sich um, geht. Ohne Entschuldigung. Ohne Lieferung. Und ohne Emotion. Der Mann ist seelisch tot. Ich bin innerlich auf 180 und schütte dem Azubi einen warmen Spezi ein. Er fragt:
„Was ist da drin?“
„Wut, Enttäuschung und Zucker.“
15:00 Uhr.
Neue Lieferung. Neuer Fahrer. Diesmal alles korrekt. Ich sage nichts. Will nichts sagen. Bin emotional ausgewrungen wie der alte Putzlappen hinter der Spülmaschine.
Fazit:
Wenn du denkst, der Gast ist dein Endgegner, dann warte, bis du mal Lieferverzüge bei 35 Grad hast und ein Fahrer dir mit „Yo, ich bring das morgen“ kommt.
Ich hab keine Kasse geworfen. Aber ich hab’s überlegt. Und das zählt.
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