Warum Tisch 4 mich zum Weinen gebracht hat

Und warum ich’s heute trotzdem nicht bereue.


Tisch 4.
Normalerweise nur eine Zahl.
Vier Stühle, ein Tisch, ein Kellner.
Aber heute? Heute war Tisch 4 ein Schleudersitz in die persönliche Hölle.

Es war ein stinknormaler Abend.
Volles Haus, gute Laune, ich war sogar motiviert – was in der Gastro ja selten genug vorkommt.
Die ersten Gäste waren nett, bisschen fordernd, aber machbar.
Bis Tisch 4 kam.

Zwei Pärchen. Mitte fünfzig.
So ein Typ von Gästen, die denken, nur weil sie sich einmal im Monat Essen leisten können, gehört ihnen jetzt der Laden.
Sakkos mit Ellenbogenflicken, die Damen in beige mit Perlenkette.
Du weißt direkt:
Das wird toxisch.

Ich geh hin, begrüße, lächle wie programmiert.
„Willkommen, schön, dass Sie da sind!“
Der erste Satz vom Typ mit Halbglatze:
„Wir hoffen, der Service ist heute besser als beim letzten Mal.“
Ich frag mich:
„Warum seid ihr dann überhaupt wiedergekommen, du Pfeife?“
Sag aber natürlich:
„Wir geben heute alles.“

Bestellung aufgenommen.
Erste Runde Getränke?
Falsch.
Nicht weil ich’s versaut hab – die Dame hat sich umentschieden. Nach dem ersten Schluck.
„Ich meinte eigentlich alkoholfrei, aber jetzt ist’s halt schon passiert. Können Sie mir trotzdem was Neues bringen?“
Brudi, das ist kein Umsonstladen hier.

Dann das Essen.
Vorspeisen laufen.
Die Herren gucken ins Carpaccio wie in ’ne tote Katze.
„Ist das roh?“
ES. IST. CARPACCIO.

Ich hol den Chef.
Der kommt raus, erklärt, lächelt, rettet die Situation.
Und dann – als alles wieder ruhig scheint – kommt die Rechnung.

Ich leg sie hin.
Der Typ nimmt sie auf, schaut mich an, sagt:
„Dafür, dass der Service heute wieder so semi war, ganz schön selbstbewusste Preise.“

Ich lächle. Immer noch.
Er gibt mir die Karte. Kein Trinkgeld. Nicht mal 10 Cent.
Und dann sagt er:
„Aber du hast’s ja eh nicht so weit gebracht, sonst würdest du nicht bedienen.“

BÄM.

Ich sag nichts.
Ich dreh mich um.
Geh in die Küche.
Und wein. Einfach.
Nicht dramatisch.
Nicht laut.
Einfach leise. Still. Kontrolliert.

Und weißt du, warum?

Weil ich am Arsch war. Müde. Durch. Weil ich alles gegeben hab.
Und dieser eine, traurige Lappen von Mensch mir mit einem Satz gesagt hat,
dass meine Arbeit nichts wert ist.

Der Chef kam später zu mir, hat’s mitbekommen.
Er sagte:
„Der Typ ist ein Arschloch. Nicht du.“
Ich nickte. Ich wusste das.
Aber es tut trotzdem weh.


Fazit:
Manchmal ist es nicht der Stress,
nicht der Lärm,
nicht der Schweiß.
Es ist ein einziger, dummer Gast,
der dich zerlegt.
Und trotzdem kommst du am nächsten Tag wieder.
Weil Gastro so ist: hart – aber nie ganz kaputt.

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