Wenn der Azubi die Küche flutet – und der Gast applaudiert
Ein normaler Mittwochabend. Bis das Wasser kam.
Es war ein Mittwoch. Der unschuldigste aller Tage. Kein Feiertag, keine große Veranstaltung, keine Geburtstagsgesellschaft. Nur 38 Reservierungen und ein bisschen Laufkundschaft. Easy, dachte ich. Ich war dumm.
16:45 Uhr – Die Ruhe vor dem Sturm.
Ich steh in der Küche, schnippel Gemüse und hör nebenbei den Azubi rumwerkeln. Der ist neu. Frisch aus der Berufsschule, trägt seine Schürze wie ein Cape, denkt, er wird der nächste Gordon Ramsay. Ich lass ihn machen. Ist ja nur der Abwasch, was soll schon passieren.
17:20 Uhr – Erste Gäste, erste Bons.
Der Abend plätschert los – im übertragenen Sinn. Noch. Ich hör, wie die Neue im Service versucht, einem Gast zu erklären, dass „vegetarisch“ heute auch Speck enthalten kann, weil es „nur ein bisschen zum Abrunden“ sei. Ich will eingreifen, aber da höre ich ein Geräusch, das in der Gastro Angst auslöst: gluckgluckgluck PLOPP.
17:24 Uhr – Der Schock.
Ich drehe mich um, sehe Wasser. Viel Wasser. Zu viel Wasser. Es schießt unter der Spüle hervor wie aus einer verfluchten Fontäne. Der Azubi steht daneben, starrt das Ding an, als würde es gleich mit ihm reden.
„Was zur Hölle hast du gemacht?!“ –
„Ich… ich wollte nur den Eimer füllen.“
„Mit einem Vorschlaghammer oder was?!“
17:27 Uhr – Land unter.
Ich ziehe die Hauptwasserleitung ab, während der Sous-Chef mit Handtüchern versucht, eine Mini-Version von Venedig zu stoppen. Die Küche steht knöcheltief unter Wasser. Ich höre die Servicekraft flüstern:
„Kann man bei Aquaplaning eigentlich noch servieren?“
Nicht hilfreich, Sabrina.
17:35 Uhr – Improvisationstheater.
Wir retten, was zu retten ist. Die Beilagenstation verlegen wir auf ein höheres Regal. Die Fritteuse? Überschwemmt, tot. Pommes gibt’s heute keine – außer du willst sie roh. Der Azubi wischt hektisch, sieht aus wie ein Schüler bei der Bundesjugendspiele-Disziplin „Wasserrettung“.
18:00 Uhr – Gäste checken’s.
Einer fragt, ob er helfen soll. Ein anderer postet schon das Ganze auf Instagram mit dem Hashtag #Wasserspiele2025. Ein dritter – ich schwör auf meinen Gasherd – klatscht. „Endlich mal was los in der Küche!“
18:30 Uhr – Wir machen weiter.
Mit dem Mut der Verzweiflung servieren wir weiter. Weniger Speisen, mehr Show. Der Chef kommt rein, guckt sich um, sagt:
„So schlimm ist’s gar nicht. Gab schon Hochzeiten, die chaotischer liefen.“
Ich liebe seinen Realitätsverlust manchmal fast so sehr wie das Feierabendbier.
22:00 Uhr – Der Abgang.
Der Azubi ist fertig mit den Nerven. Ich klopfe ihm auf die Schulter.
„Du hast heute Scheiße gebaut, klar. Aber wenigstens ist keinem der Stromschlag passiert. Fast.“
Er lacht, halb nervös, halb erleichtert. Ich auch. War ne gute Show heute.
Fazit:
Gastro ist wie Impro-Theater mit Messern. Wenn’s nicht läuft – spiel’s durch. Und wenn das Wasser kommt: Trag’s mit Würde. Und Gummistiefeln.
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