Wenn du 200 Euro kassierst und 0 Cent Trinkgeld kriegst
Und warum ich mich danach gefühlt hab wie ein Clown im Kriegsgebiet.
Es war Samstagabend, volles Brett.
Ich hab zwei große Tische, fünf kleine und ein Pärchen am Fenster, das seit drei Wochen jeden Tag kommt, aber nie mehr als ’nen Kaffee bestellt.
Also Standardwahnsinn.
Dann kommt Tisch 12.
Zwei Pärchen, Top gestylt, Gucci-Sonnenbrillen im Haar, Designer-Taschen auf dem Stuhl, Duftwolke wie aus einem Douglas-Exorzismus.
Sie setzen sich, checken die Karte.
Keine Smalltalks. Keine Höflichkeit.
Nur dieses: „Wir wissen, dass wir wichtig sind“-Vibe.
Ich atme tief durch.
Lächeln. Servieren.
„Kann ich Ihnen was zu trinken bringen?“
„Champagner. Den guten. Nicht das billige Zeug von letzter Woche.“
Letzte Woche hatten wir gar keinen Champagner. Aber hey.
Sie hauen rein.
Vorspeise. Hauptgang. Nachspeise.
Der eine bestellt Rinderfilet medium, schickt’s zurück, weil’s „zu medium“ ist.
Die andere fragt, ob der Ziegenkäse von „weiblichen Tieren“ kommt, weil männliche „zu viel Testosteron-Geschmack“ hätten.
Ich denk nur: Gib mir ne Pfanne und einen Grund.
Trotzdem – ich geb alles.
Ich servier schnell.
Ich merk mir Sonderwünsche.
Ich mach den Teller sauber, bevor ich ihn rausbring.
Ich erklär, wie die Jus angesetzt wurde, obwohl ich innerlich schon längst in der Badewanne lieg, mit ner Flasche Wein und Netflix.
Am Ende:
Rechnung: 203,80 €
Ich bring sie hin, höflich wie immer.
Der Typ zückt die schwarze Amex, lehnt sich zurück.
Ich tippe den Betrag ein.
Er schaut, sagt:
„Mach einfach glatt. Danke.“
Ich denk:
„Glatt wie deine Seele, du geiziger Möchtegern-Adonis.“
Er unterschreibt. Ohne Augenkontakt. Ohne Lächeln.
Steht auf, geht.
Die anderen hinterher.
Kein Blick. Kein „Danke“. Kein „War lecker“.
Nur dieser selbstzufriedene Abgang, als hätten sie gerade die Welt verändert, weil sie essen waren.
Ich steh da.
203,80 Euro. Kein Cent mehr.
Ich hab 2,5 Stunden für euch geackert, euch bedient, mit eurem Scheiß umgegangen – und ihr lasst mir nicht mal 1 Euro?
Nicht mal symbolisch?
Nicht mal aus Versehen?
Ich geh in die Küche, zieh mir ’ne Flasche Wasser rein, als wär’s Wodka.
Chef fragt:
„Na, fette Rechnung?“
Ich:
„Ja. Für nix.“
Fazit:
Trinkgeld ist kein Muss. Ich weiß.
Aber es ist ein stiller Vertrag zwischen dir und dem, der für dich rennt, schwitzt, lächelt, serviert.
Und wenn du den brichst, obwohl du könntest –
dann bist du kein Gast.
Dann bist du einfach ein Arschloch in Designerklamotten.
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