Wie ich fast rausgeflogen bin – wegen eines falschen Weins
Die Reichen, der Riesling – und ich mittendrin, zwischen Lüge und Kündigung.
Tisch 6.
Reservierung auf „Dr. B.” – das bedeutet in der Gastro:
Jemand, der dich duzt, aber trotzdem denkt, er ist was Besseres.
Ich schau in den Plan. Fünf Personen. Konferenznachklang.
Alles schick.
Ich bin vorsichtig – bei solchen Leuten ist alles ein Minenfeld.
Sie kommen rein wie ein Werbespot für Steuerfreiheit.
Kleider, Uhren, Stimmen wie in der Anklagebank.
Ich begrüße. Freundlich.
Sie nicken. Einer reicht mir seine Jacke mit einem Blick, als wär ich sein verdammter Butler.
Okay. Ich halt’s professionell. Noch.
Sie setzen sich. Reden laut über „Mandat XYZ”, über „Investments in Osteuropa“ und dass „die Bedienung in London irgendwie aufmerksamer war.“
Ich hol die Karten.
Dr. B. winkt ab.
„Ich nehm wie immer den Riesling. Den aus Rheinhessen. Trocken, aber nicht zu sauer. Sie wissen schon.“
Ich weiß es nicht.
Weil ich neu bin. Seit drei Wochen im Laden.
Aber ich nicke. Und frage höflich:
„Den vom Weingut L. oder den feinherben von M.?”
Er:
„Na, den, den wir IMMER trinken. Das sollten Sie wissen.“
Klar.
Du bist Gast #3.000 in diesem Laden, aber ich soll deine Trinkgewohnheiten kennen wie deine Mutter deinen Lieblingsschnuller.
Ich geh zur Bar. Frag den Barkeeper.
Er zeigt mir zwei Flaschen.
„Den hier nehmen sie öfter – mach den ruhig.“
Ich mach „den ruhig.“
Flasche auf. Serviert.
Dr. B. nimmt einen Schluck.
Schaut mich an.
Sagt:
„Ah. Endlich mal jemand, der’s richtig macht.“
Ich denk:
„Endlich mal jemand, der die Fresse hält.“
Das Essen läuft. Die Runde wird lockerer. Zwei Flaschen Riesling später sind sie fast angenehm.
Fast.
Dann kommt der Moment der Rechnung.
Ich bring sie hin.
Dr. B. guckt drauf.
Wird still.
Blättert.
Zieht die Brille runter.
„Sagen Sie mal… das ist der 2019er L.?“
Ich:
„Ja.“
„Wissen Sie, was wir sonst trinken?“
Ich:
„Ich dachte—“
„Nein. Denken Sie mal lieber leise.“
Dann kommt der Chef.
Wird rausgerufen.
Dr. B. redet mit ihm wie mit einem Schuljungen.
„Ich erwarte, dass Ihre Leute wissen, was wir wollen. Das ist schlechter Service.“
Chef nickt.
Schaut zu mir.
Später in der Küche dann:
„Du bringst hier keine Flaschen mehr raus, ohne Rücksprache. Das war peinlich.“
Ich hab da gestanden.
Nach sechs Stunden Dauerstress, ohne Pause, mit 50 Leuten auf der Uhr, und soll mich jetzt erniedrigen, weil ein Typ seinen 15-Euro-Riesling mit dem 12-Euro-Riesling verwechselt hat.
Ich hab fast den Löffel geworfen.
Wirklich.
Aber stattdessen hab ich gesagt:
„Okay, Chef. Passiert nicht nochmal.“
Und mir dabei innerlich geschworen:
Wenn ich je einen eigenen Laden hab – dann kriegt jeder Gast das, was ich will. Nicht, was er meint zu brauchen.
Fazit:
Feine Gäste sind oft gar nicht fein.
Sie sind laut, unverschämt und erwarten, dass du ihnen jeden Wunsch von der Lippe liest –
auch wenn du dabei deinen verdammten Job riskierst.
Aber am Ende hab ich gelernt:
Nicht der Wein war das Problem.
Sondern der Mann, der ihn bestellt hat.
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