Warum du niemals den Azubi die Soße abschmecken lassen solltest

Und wie aus Coq au Vin ein Verbrechen wurde.


Es gibt in der Küche viele Aufgaben, die man abgeben kann. Kartoffeln schälen. Gemüse putzen. Teller polieren.
Aber eins?
Abschmecken?! Niemals.
Das ist Chef-Sache. Oder Sous-Chef-Sache. Oder maximal jemand, der seit mindestens drei Jahren im Feuer steht und weiß, wie viel Salz zu viel ist.

Aber nein, an diesem Tag war ich… freundlich. Müde. Unkonzentriert.
Und der Azubi – nennen wir ihn Kevin – stand da mit so einem Blick:
„Ich will auch mal was Wichtiges machen.“
Ich dachte: Okay, kleine Aufgabe, großer Moment.
„Kevin, check mal die Rotweinsauce. Sag, ob noch was fehlt.“
Großer Fehler.

Er nimmt den Löffel, schmeckt ab, runzelt die Stirn, geht zum Regal.
Ich seh nur aus dem Augenwinkel, wie er Flaschen rausholt.
Zwei.
Er kippt. Rührt. Koste nochmal. Nickt.
Ich denk mir nix – war grad mit der Fleischplatte beschäftigt und zu 90 % im Stress-Tunnel.

Zehn Minuten später kommt der Chef rein.
„Gleich geht Coq au Vin raus – hast du die Sauce fertig?“
„Ja, Kevin hat abgeschmeckt.“
Er guckt mich an, als hätt ich ihm gesagt, dass ich den Braten mit Nagellack glasiert hab.

Wir probieren.
Pause.

Ich guck ihn an.
Er guckt mich an.
Wir beide: WAS ZUR HÖLLE IST DAS?!

Süß.
Schärfer als Tabasco.
Und… irgendwie weihnachtlich?

Ich stürm zur Kühlbox, zur Mise-en-Place-Station, zu Kevin.
„Was hast du da reingemacht?!“
„Na… ich fand, sie braucht Tiefe. Hab noch Balsamico genommen. Und bisschen Zimt. Und Sojasauce.“
ZIMT. DU HAST ZIMT IN DIE ROTWEINSAUCE GEBALLERT.

Ich hab ernsthaft überlegt, ob ich ihn aus dem Fenster schicke.
Nicht schlagen. Nicht schreien. Einfach: sanft rausschieben.
Für immer.

Der Chef atmet schwer.
„Was machen wir jetzt?!“
Ich kipp die ganze Soße weg. Komplett.
Neuanfang.
Noch 30 Minuten bis zum Service.
Ich koch das Ding nochmal durch, in Turbozeit, mit zitternden Händen und Hass im Herzen.
Kevin steht wie ein begossener Pudel hinter mir.
„Soll ich helfen?“
Ich:
„Du hilfst am besten, wenn du ab sofort alles nur noch denkst, aber nichts mehr tust.“

Die neue Sauce: passt.
Wird serviert.
Die Gäste? Begeistert.
Einer fragt:
„Da war doch so ein Hauch Zimt drin, oder?“
Ich schau ihn an und sage:
„Wenn ja, dann ist das ein Betriebsunfall.“


Fazit:
Abschmecken ist kein Spiel. Es ist Präzision. Erfahrung. Timing.
Und wer glaubt, eine Sauce sei ein Ort für Experimente, der darf gerne mit der Spülmaschine kuscheln – bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.
Kevin hat’s gelernt.
Ich auch.

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