Wenn die Gäste um 22:59 Uhr noch ein 4-Gänge-Menü wollen

Und warum ich kurz überlegt hab, die Tür abzuschließen – von außen.


Es war ein Dienstagabend.
Und zwar einer von den guten.
Der Laden war voll gewesen, aber es lief.
Keine Katastrophen, kein Stress über Normalmaß.
Kurz gesagt: Ich war so gut drauf, dass ich fast gelächelt hab – freiwillig.

22:45 Uhr: Die letzten Gäste zahlen.
Küche ist am Putzen.
Licht in der Bar wird runtergedimmt.
Ich wickel Besteck ein und denk:
„Noch 15 Minuten, dann Beine hoch und Fresse zu – wie’s sein soll.“

Und dann.
Die Tür geht auf.
Es klingelt.
Ich drehe mich langsam um – du weißt, so wie in Horrorfilmen, wenn das Opfer schon spürt, dass der Killer da ist.

Vier Leute.
Zwei Pärchen.
Wirkten nicht wie Monster.
Waren sie aber.

Ich geh hin, höflich wie immer.
„Guten Abend. Leider schließen wir um 23 Uhr…“
Und dann sagt er’s.
Dieser eine Satz.
„Kein Problem! Wir essen eh schnell – wir nehmen nur ein 4-Gänge-Menü!“

Ich hab kurz gezuckt.
Im Gesicht.
Im Herzen.
Im letzten verbliebenen Nerv meiner Gastroseele.

Ich sag:
„Die Küche ist eigentlich schon geschlossen.“
Er:
„Ach komm – ein bisschen Pasta kriegt ihr doch noch hin, oder? Ihr habt doch noch Sauce?“

Bruder.
Ich hab auch noch Spülwasser. Willste das gleich als Aperitif?

Chef steht hinten, poliert Gläser, hört’s mit einem Ohr, kommt vor.
Er sagt:
„Wir machen noch was Kleines, aber kein komplettes Menü. Die Küche ist sauber.“
Und dann kommt der Satz der Todesgruppe:
„Wir sind extra aus München angereist – da erwartet man schon bisschen Gastfreundschaft, oder?“

München?
Super. Dann fahrt halt wieder zurück und lasst uns hier den Feierabend genießen, ihr selbstgerechten Trüffeltrampeltiere.

Aber wir sagen: okay.
Weil wir Profis sind.
Weil man ja „nicht Nein sagen kann“.
Und weil ich ganz offensichtlich auf den letzten Rest meiner Würde scheiße.

Küche wird zurückgeholt.
Pfannen nochmal raus.
Gastro-Wiedereinstieg in die Hölle.

Die Gäste sitzen da, quatschen entspannt, lassen sich Zeit.
Wein hier, Vorspeise da.

Einer fragt, ob wir auch „frische Trüffel raspeln“.
Ich will ihn raspeln – am liebsten mit meinem Schädel.

00:10 Uhr – sie sind fertig.
Ich bring die Rechnung.
Sie zahlen.
Trinkgeld? 2 Euro.
Für vier Leute.
Vier Gänge.
Eine Extrastunde Küche.
Zwei gebrochene Seelen.

Der Chef sagt später:
„Manchmal muss man halt durchziehen.“
Ich sag:
„Manchmal muss man halt auch Leute rausschmeißen.“

Aber was weiß ich schon.
Ich bin nur der Typ, der die Scheiße wegträgt, während die Gäste noch über „authentische Atmosphäre“ reden.


Fazit:
Wenn jemand sagt „Wir essen eh schnell“,
heißt das in Wahrheit:
„Wir ficken dir deinen Feierabend,
bringen die Küche zum Heulen
und lassen genau null Wertschätzung zurück.“

Merke:
22:59 Uhr ist nicht „noch kurz was bestellen“.
Es ist ein verdammter Angriff auf die Menschlichkeit.

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