Warum ‚bitte kein Knoblauch‘ mein Nervenzusammenbruch war

Und warum ich heute noch den Geruch von Aioli mit Panikattacken verbinde.


Es war Mittwoch.
Nicht viel los. Ich hatte Hoffnung.
Vielleicht mal ein ruhiger Abend, bisschen Gläser polieren, bisschen mit dem Azubi streiten, vielleicht sogar pünktlich raus.

Dann kam sie. Tisch 5. Allein.
Elegant, so eine Mitte-40-Mittagessen-mit-Sinnspruch-Frauen-Vibes.
Setzt sich, lächelt geübt.
Ich bring die Karte.
Sie studiert sie, als würde sie die Bibel auf Kalorien überprüfen.
Dann sagt sie:
„Ich nehme die Pasta Arrabiata – aber bitte ohne Knoblauch.“

Ich:
„Natürlich, kein Problem.“

Fehler. Fehler. Fehler.

Ich geh in die Küche, gebe es weiter:
„Arrabiata ohne Knobi.“
Koch schaut mich an wie ein Hund, der gleich zuschnappt:
„Das ist wie Sex ohne Körperkontakt. Aber gut.“

Die Soße wird frisch gemacht.
Ohne Knoblauch.
Kein Hauch. Kein Duft. Kein Zwiebelverwandter.
Nur Tomaten, Chili, Olivenöl, Basilikum.

Ich bring den Teller.
Sie nickt.
Nimmt eine Gabel.
Schiebt sie in den Mund.

Pause.

Dann kommt der Satz.
Der Satz, der mir heute noch die Nerven flattern lässt:

„Ist da Knoblauch drin?“

Ich sag ruhig:
„Nein. Wie gewünscht – komplett ohne.“
Sie:
„Aber ich schmeck ihn.“

Ich will sagen:
„Was du schmeckst, ist deine Fantasie.“
Aber ich sag:
„Ich kann versichern, dass kein Knoblauch in der Soße war.“

Sie guckt mich an, so richtig enttäuscht.
So, wie Lehrer einen Schüler anschauen, der beim Abschreiben erwischt wurde.
Dann hebt sie ihr Wasserglas, nimmt einen Schluck, wischt sich den Mund ab, steht auf.

„Ich kann das nicht essen. Ich bin allergisch. Ich hab das gesagt.“

Ich sag nochmal – ganz ruhig –
„Sie sagten, bitte ohne Knoblauch. Keine Allergie.“
Sie:
„Ich hab’s vielleicht nicht gesagt, aber das ist doch klar.“

Bruder.
Was ist klar?!
Wenn ich sage, ich will keine Rosinen im Müsli, geh ich auch nicht davon aus, dass das eine Walnussallergie impliziert.

Chef kommt.
Ich erklär’s ihm.
Er geht hin.
Bietet einen neuen Teller an. Gratis. Ohne Chili, ohne alles – quasi Nudeln mit Luft.
Sie lehnt ab.
„Ich fühl mich nicht mehr sicher.“

Ich?
Ich fühl mich nicht mehr fähig.
Ich bin durch.
Ich geh in die Spüle, lehne mich über den Wasserhahn, schließe die Augen und murmele leise:
„Knoblauch ist mein Bruder. Und ihr seid alle gegen ihn.“

Am Ende verlässt sie das Lokal.
Bezahlt nur ihr Wasser.
Kein Danke. Kein Lächeln.
Nur dieser Blick.
Wie eine Priesterin, die einen Exorzismus verweigert, weil der Dämon zu billig ist.


Fazit:
Wenn jemand „bitte ohne Knoblauch“ sagt, dann bedeutet das in 80 % der Fälle:
„Ich hab keine Ahnung, was ich will – aber du bist schuld, wenn’s nicht passt.“

Ich liebe Knoblauch.
Ich ehre Knoblauch.
Aber seit diesem Abend hab ich Angst vor Menschen, die ihn nicht wollen.
Denn sie wollen auch keine Freude. Keine Liebe. Und keine Wahrheit.

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