Wie der Azubi dachte, Jus sei eine Cocktailzutat
Und warum ich mir seither bei jedem französischen Fachbegriff einen Schnaps wünsche.
Du kennst das.
Du stehst am Pass. Es läuft.
Nicht gut – aber es läuft.
Die Küche ballert Gänge raus, der Service schwitzt, und der Azubi… na ja. Der Azubi ist halt da.
Solange er Kartoffeln schält und atmet, passt alles.
Aber an dem Tag?
Da hat er entschieden, Teil vom „richtigen Team“ zu sein.
Und das Problem daran:
Er wusste nicht, was ein Jus ist.
Ich bin hinten im Kühlhaus, such ’ne frische Fond-Grundlage, komm zurück – und seh, wie Kevin (natürlich heißt er Kevin) mit konzentriertem Blick irgendwas zusammenkippt.
Ich frag:
„Was machst du da?“
Er:
„Ich hab schon mal die Jus vorbereitet.“
Ich steh da, starre ihn an.
Die Jus.
Nicht „den Jus“.
Nicht „die Soße“.
„Die Jus.“ Wie eine Instagram-Influencerin beim Detox.
Ich schau in den Topf.
Drin ist:
– Cola
– Balsamico
– Worcestersauce
– ein Schuss Limette
– und – ich schwör auf meine letzte funktionierende Geschmacksknospe –
ein Spritzer Grenadine.
Ich frag:
„Was… genau… ist das?“
Er:
„Na, Jus. Du hast gesagt: ‚Mach mal ’ne Jus fürs Fleisch.‘ Und ich dachte, das ist so ’ne Art Barbecue-Glaze… halt mit Fancy.“
Ich:
„Fancy?! Kevin, das ist kein Cocktail. Das ist ’ne fucking Fleischreduktion. Eine dunkle, kräftige, aromatische Grundsoße auf Knochenbasis – keine Getränkekarte von einem Instagram-Café in Prenzlauer Berg.“
Er zuckt mit den Schultern.
„Aber es schmeckt doch irgendwie gut.“
Ich koste.
Ich bereue es sofort.
Es ist süß.
Sauer.
Klebrig.
Und irgendwie wie Hustensaft mit Sojasauce.
Ich will ihn töten.
Nicht richtig. Nur so… symbolisch.
Mit einem Schneebesen.
Ganz zart. Ganz langsam.
Einfach, damit er merkt, dass das hier nicht der verdammte Cocktailkurs von Jamie Oliver ist.
Ich schütt den ganzen Topf aus.
Kevin schaut, als hätte ich sein Tagebuch verbrannt.
Ich sage:
„Ab heute rührst du keine Soße mehr an. Du darfst jetzt Knoblauch zählen. Still. In der Ecke.“
Natürlich musste ich die Jus nochmal machen.
Mit Rösten, Reduzieren, Deglacieren.
Also: Handwerk.
Etwas, das Kevin nur als Wort kennt, das er falsch schreibt.
Später fragt er dann – und das war der Moment, wo ich mental endgültig kollabiert bin –
„Aber Jus… ist das dann wie Gravy?“
Ich atme tief durch.
Ich sage nichts.
Ich schließe die Augen.
Und sehe mein inneres Ich auf einem Berg aus Knochen und Kräutern stehen, blutend, lachend, und rufend:
„NEIN, KEVIN! NEIN IST ES NICHT!“
Am Abend erzählt er im Team-Call:
„Ich hab heute was Eigenes probiert – so eine Art süß-saure Glace mit Cola-Basis.“
Der Chef:
„Ah. Die, die in der Tonne gelandet ist?“
Kevin grinst.
Ich trinke.
Nicht Wasser.
Fazit:
Jus ist nicht süß.
Nicht pink.
Nicht ein verdammter Drink.
Es ist Liebe. Zeit. Reduktion.
Und wer das nicht checkt, sollte bitte nie wieder etwas rühren, das nicht vorher erklärt wurde.
Kevin?
Der darf jetzt Saucen abspülen.
Nicht mehr anrühren.
Und wenn er fragt, ob „Beurre Blanc“ ein französischer Vanillelikör ist, dann… dann nehm ich Urlaub. Auf unbestimmte Zeit.
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