Wie der Azubi beim Weinservice den Korken in die Karaffe geballert hat
Und warum der Bordeaux danach wie Frust und Korkflocken schmeckte.
Es war ein gehobener Abend.
Private Firmenveranstaltung.
40 Gäste, alle schick, alle mit mehr Geld auf dem Konto als ich in Lebensfreude.
Die Stimmung: gesittet.
Die Erwartung: hoch.
Denn der Chef hat das volle Paket verkauft:
Mehrgangmenü, Weinbegleitung, „gehobenes Ambiente mit aufmerksamem Service“.
Und wer war für den Weinservice zuständig?
Ich. Und Kevin.
Kevin – unser Azubi im zweiten Lehrjahr.
Also technisch gesehen sollte er wissen, wie man eine Flasche Wein öffnet, ohne eine Zeitbombe draus zu machen.
Aber heute war Kevin… nun ja… besonders Kevin.
Die Gäste sitzen.
Der Sommelier (heute: ich mit Krawatte) bringt die erste Flasche zum Tisch:
Ein 2015er Bordeaux.
Preis: irgendwo zwischen „zu schade zum Verschütten“ und „dafür arbeite ich zwei Schichten extra“.
Ich öffne meine Flasche, elegant, sauber, Flasche gedreht, Korken duftend.
Alles nice.
Neben mir: Kevin, mit einer Karaffe und einer Art Tatendrang, der nichts Gutes verheißt.
Ich sag:
„Kevin, vorsichtig. Erst Kapsel ab. Dann sauber den Korken rausziehen. Kein Stress.“
Er nickt.
Guckt mich nicht an.
Schon da hätt ich ihm den Korkenzieher wieder wegnehmen sollen.
Er steht also neben dem Tisch von vier Gästen, alles Weinkenner, alles feine Nasen.
Er setzt den Schrauber an.
Dreht.
Zu tief.
Ich seh’s schon in Zeitlupe.
Der Korkenzieher ist komplett durch.
Keine Chance mehr, das Ding elegant rauszubekommen.
Ich flüstere:
„Halt an. Hol mich. Wir retten das.“
Er:
„Ich krieg das hin.“
DIE BERÜHMTESTEN LETZTEN WORTE.
Er zieht.
Der Korken kommt – nicht ganz.
Wird weich.
Bricht ab.
Und Kevin entscheidet in genau diesem Moment:
„Dann schütte ich ihn einfach trotzdem aus – in die Karaffe.“
Ich guck hin.
Ich kann’s nicht aufhalten.
Er nimmt die Flasche.
Setzt sie an.
Kippt.
Der Korken flutscht ab – und BUMM – knallt mit einem PLATSCH in die Karaffe.
Der komplette Tisch erstarrt.
Ich auch.
In der Karaffe: Bordeaux.
Und ein zerfledderter Korken, der aussieht wie ein nasser Hund in einer Pfütze.
Und Kevin?
Guckt die Gäste an.
Und sagt:
„Ist halt Naturkork. Gehört dazu.“
Ich. Will. Ihn. Erwürgen.
Ich geh rüber, sag:
„Entschuldigen Sie bitte, das war ein Missverständnis. Wir bringen sofort Ersatz.“
Die Gäste?
Einer lacht.
Einer nicht.
Einer murmelt:
„Gehobener Service, sagten Sie?“
Kevin steht da, Karaffe in der Hand, Korken treibt oben.
Ich schnapp das Teil, bring’s in die Küche, kipp’s in den Ausguss.
Der Chef steht da.
„Was ist passiert?“
Ich:
„Kevin hat versucht, Naturwein neu zu definieren.“
Wir holen eine neue Flasche.
Ich serviere.
Kevin kriegt ein neues Aufgabenfeld: Servietten falten. In der Abstellkammer.
Später frag ich ihn:
„Warum hast du weitergegossen, obwohl der Korken drin war?“
Er:
„Ich dachte, der bleibt vielleicht oben und sieht edel aus.“
Ich…
Ich konnte nichts mehr sagen.
Ich war leer.
Emotional durchdekantert.
Fazit:
Weinservice ist eine Kunst.
Und wenn du einem Azubi dabei zusiehst, wie er Bordeaux mit Korkenmarinade anrichtet, dann weißt du:
Das war keine Lektion – das war ein Trauma.
Karaffe tot.
Wein tot.
Würde tot.
Aber Kevin?
Lebt.
Und fragt beim nächsten Mal sicher, ob er Schaumwein „schütteln oder schwenken“ soll.
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