Wie der Azubi das Filet quer zur Faser geschnitten hat – und stolz war
Ein Filet, ein Azubi und das kulinarische Massaker, das keiner kommen sah – außer ich, in meinem schlimmsten Albtraum.
Es war einer dieser Abende, an dem die Küche funktioniert.
Der Pass läuft, das Team ist konzentriert, wir ballern Teller raus wie am Fließband.
Der Chef brüllt weniger als sonst, was fast schon romantisch war.
Und Kevin? Der durfte helfen.
Am Filet.
Am VERFICKTEN FILET.
Warum?
Weil wir blöd waren.
Weil er motiviert wirkte.
Weil wir dachten:
„Wie schlimm kann’s werden?“
Spoiler:
Es war der fleischgewordene Weltuntergang.
Wir machen gerade drei Hauptgänge fertig.
Ich rufe:
„Kevin, mach die Filets klar! Zwei medium, eins rosa!“
Er nickt.
Schnappt sich das Fleischbrett.
Das Filet liegt drauf – perfekt gereift, butterzart, Sous-vide vorgegart, mit Röstaromen zum Niederknien.
Ein Traumstück von Fleisch.
Und Kevin…
Kevin zerstört es.
Er nimmt das Filet.
Hält’s falsch.
Setzt das Messer an.
Und dann:
Quer.
Zur Faser.
Volle Länge.
Sägen.
Wie’n Holzfäller auf Koks.
Ich seh nur:
Scheiben.
Dicke, zerfetzte, saftige Scheiben – tot wie mein Glaube an Ausbildung.
Ich ruf:
„NEIN KEVIN!
NICHT QUER!
GEGEN DIE FASER, MANN!“
Er guckt mich an.
Mit Stolz.
Mit echtem, ehrlichen Stolz.
„Ich dachte, das sieht schöner aus – so wie Carpaccio, nur dicker!“
Ich schwöre, ich wollte ihm das Filet um die Ohren wickeln.
Mit Liebe.
Mit Kraft.
Mit Aggression in jedem verdammten Millimeter Muskelfaserriss.
Ich schau mir die Stücke an.
Sie reißen beim Anfassen auseinander.
Statt einem zarten, saftigen Biss hast du Fasern, die aussehen wie ein zerzupfter Pulli nach ’nem Trocknerfehler.
Chef kommt rein.
Sieht’s.
Stille.
Dann:
„Kevin…
…du hast das Filet auf den Rücken gelegt
…und ihm mit einem Messer die Seele abgesägt.“
Kevin grinst.
„Aber es ist durch – ich hab’s getestet.“
GETESTET?!
Er meint:
Er hat reingeschnitten. In jedes Stück.
Wie ein Psychopath auf Suche nach Geschmack.
Ich schütt die Reste weg.
Gäste warten.
Chef macht neue Portionen.
Ich schwitze.
Kevin?
Darf ab dann nur noch Salate zupfen.
Aber nur mit Aufsicht.
Und nur mit stumpfem Besteck.
Fazit:
Fleisch ist Kunst.
Filet ist Religion.
Und wer Filet quer zur Faser schneidet, gehört nicht in die Küche –
sondern in ein Museum der kulinarischen Verbrechen.
Kevin hat das Filet nicht gekocht.
Er hat’s ermordet.
Beerdigt.
Und draufgepinkelt.
Mit einem Grinsen im Gesicht.
Seitdem?
Ich check jeden Azubi, bevor er ein Messer kriegt.
Ich frag erst:
„Was ist eine Faser?“
Und wenn er sagt:
„So was wie ein Stück, oder?“
Dann kriegt er ’nen Sparschäler.
Und ein Gebet.
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