Wie der Azubi bei 80 Tellern meinte, wir könnten ’ne ‘lockere Teller-Choreo’ draus machen
Und warum ich danach jede Garnitur als Waffe gesehen hab.
Es ist Samstag.
Großveranstaltung.
Geburtstags-Dinner.
80 Gäste.
3-Gänge-Menü.
Wir sind durchgetaktet wie ein Schweizer Uhrwerk mit Burnout.
Küche läuft heiß, Service rennt, und jeder weiß:
Jetzt keine Fehler. Jetzt zählt Präzision. Jetzt kein Bullshit.
Und dann kommt Kevin.
Kevin hat heute offiziell „Springer“-Funktion.
Soll helfen, wo’s brennt.
Darf mit rauslaufen, Tabletts tragen, abrufen, garnieren.
Aber eben unter Anleitung.
Wir bereiten den Hauptgang vor:
→ Hirschrücken auf Selleriepüree, Rotweinsauce, gebratene Pilze, kleine Crumble-Kruste.
Sah aus wie aus’m Feinschmecker-Magazin.
Noch.
Ich steh am Pass, richte an.
Neben mir: fünf Teller, fünf Sekunden pro Garnitur, zack zack zack.
Und Kevin sagt auf einmal:
„Wollen wir das nicht wie ’ne Choreo machen? So richtig mit Flow – alle greifen über Kreuz, gleichzeitig Teller raus, sieht mega fancy aus!“
Ich drehe mich.
Langsam.
Sehr langsam.
„Was meinst du mit Choreo, Kevin?“
Er:
„Na, so wie bei TikTok. Wenn alle gleichzeitig was machen. Sieht professionell aus. Show-Effekt und so.“
SHOW-EFFEKT?!
Brudi, das hier ist keine Koch-Show – das ist Krieg mit Schaum und Stress.
Ich sage:
„Kevin. Wir haben 80 Teller.
Wir haben 7 Minuten, bis der Saal schreit.
Wenn du jetzt irgendwas mit ‘Choreo’ versuchst,
hau ich dir die Crumble-Kruste ins Gesicht und mach ein TikTok draus.“
Chef kommt dazu.
Fragt, was los ist.
Ich sag:
„Kevin will tanzen mit Tellern.“
Chef sagt nichts.
Nur:
„Lass ihn eine Reihe machen.
Dann wissen wir’s fürs nächste Mal.“
Fehler.
Riesiger.
Fehler.
Kevin instruiert zwei Kollegen.
Er zählt runter wie bei ‘ner Boyband-Performance:
„Drei… zwei… eins… LOS!“
Und dann passiert’s.
→ Zwei Teller stoßen aneinander.
→ Rotweinsauce spritzt über’n Püree.
→ Einer tropft auf den Boden.
→ Kevin rutscht fast aus.
→ Einer sagt: „Das war nicht meine Seite!“
→ Crumble-Kruste fällt auf den Fußboden.
→ Kevin ruft:
„Stopp! Wir machen’s nochmal!“
Ich greife ein.
Schreie:
„KEIN NOCHMAL!
DAS IST KEINE FUCKING PERFORMANCE –
DAS IST ESSEN FÜR GÄSTE, KEVIN!“
Die Küche steht still.
Alle sehen, wie ich eine Selleriepüree-Tülle wie ein Messer halte.
Ich war bereit. Ich hätte garniert, bis jemand um Gnade winselt.
Wir richten die nächsten 40 Teller klassisch an.
Von Hand.
Mit Sinn.
Mit Ruhe.
Ohne Show.
Ohne Kevin.
Kevin wird zurück an den Abwasch versetzt.
Darf da rhythmisch die Bleche schrubben.
Sein einziger Move.
Später fragt er:
„Aber war die Idee nicht cool?“
Ich sage:
„Kevin.
Coole Ideen macht man nicht unter Stress.
Coole Ideen testet man in der Theorie.
Und du bist keine Theorie –
du bist ein fucking Konzeptfehler.“
Fazit:
Manchmal braucht die Küche keine neuen Impulse.
Sie braucht Ruhe. Effizienz. Und Mitarbeiter ohne TikTok-Syndrom.
Kevin hat daraus gelernt.
Hoffe ich.
Vielleicht.
Aber wenn er nochmal „Küchenflashmob“ sagt,
werd ich mit Besteck choreografisch austicken.
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